Die Grenzen zwischen den akademischen Bereichen werden von Jahr zu Jahr unschärfer - und das ist keine schlechte Sache. Da unsere Welt mit beängstigenden Problemen wie dem Klimawandel, Fehlinformationen und den neuen Grenzen der künstlichen Intelligenz zu kämpfen hat, war der Bedarf an Experten, die über ihre traditionellen Silos hinausblicken können, noch nie so groß. Die Bewältigung von Problemen dieser Größenordnung erfordert nicht nur abteilungsübergreifende Teamarbeit, sondern eine echte Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Industrie und Regierung.
Am MIT hat Professor Munther Dahleh diesen Bedarf schon vor Jahren erkannt. Damals beschränkten sich die interdisziplinären Bemühungen oft auf schnelle, vorübergehende Projekte, die kamen und gingen. Dahleh wünschte sich stattdessen etwas Dauerhaftes: eine Grundlage, auf der Forscher aus verschiedenen Bereichen langfristig an den dringendsten Problemen der Welt zusammenarbeiten würden. Dieses Ziel war der Auslöser für die Gründung des MIT Institute for Data, Systems, and Society (IDSS), das Dahleh vor über zehn Jahren mit aufbaute.
Dahlehs Vision, die Geschichte hinter IDSS und die Lehren, die sich daraus für künftige Forscher ergeben, sind in seinem neuesten Buch zusammengefasst, “Data, Systems, and Society: Harnessing AI for Societal Good”. Auf diesen Seiten beschreibt er die Herausforderungen, die mit dem Aufbrechen der starren Mauern zwischen den akademischen Bereichen verbunden sind, und entwirft einen Plan, wie man die Dinge anders angehen kann - und lädt sowohl Neulinge als auch Veteranen der Datenwissenschaft und KI ein, dasselbe zu tun.
Im Mittelpunkt des IDSS-Ansatzes steht das, was Dahleh als "Dreiecksmodell" bezeichnet. Stellen Sie sich drei Ecken vor: eine steht für die physische Welt, eine andere für das menschliche Verhalten und die dritte für Politik und Verwaltung. Sie alle sind durch Datenströme miteinander verbunden, die als Klebstoff dienen. Die Idee hinter diesem Modell ist einfach, aber tiefgreifend: Jedes Problem der realen Welt wird davon geprägt, wie Menschen mit Systemen und den sie steuernden Regeln interagieren, und Daten helfen uns, das Gesamtbild zu sehen - einschließlich unerwarteter sozialer Folgen.
Nichts hat die Notwendigkeit einer solchen Denkweise so deutlich gemacht wie die COVID-19-Pandemie. Die Krise zeigte in Echtzeit, wie wenig konkrete Daten vorhanden waren, wie unvorhersehbar sich Menschen verhalten können und wie politische Entscheidungen manchmal am Ziel vorbeigingen (oder falsch verstanden wurden). Für Dahleh bestätigten diese Herausforderungen die IDSS-Philosophie: Die Lösung wirklich komplexer Probleme erfordert Beiträge aus mehreren, eng miteinander verknüpften Disziplinen, nicht nur von einer Ansammlung von allein arbeitenden Experten.
Das Dreieck von Dahleh ist nicht auf gesundheitliche Notfälle beschränkt. Die Explosion der sozialen Medien und des elektronischen Handels - im Guten wie im Schlechten - beruht auf mehreren Ebenen der menschlichen Interaktion, der Regulierung und der Datenflut. Probleme wie Fake News oder das Design von Plattformen können nicht mit einem einzigen Blickwinkel angegangen werden; sie erfordern vielschichtige, gemeinschaftliche Antworten.
Diese Komplexität erstreckt sich auch auf ethische Debatten über neue Technologien wie selbstfahrende Autos. Dahleh weist darauf hin, dass die von Ingenieuren und Designern getroffenen Entscheidungen nicht nur technischer Natur sind - sie wirken sich auf unvorhersehbare Weise auf die Gesellschaft aus. In seinem Buch wird sorgfältig zwischen echter interdisziplinärer Arbeit und Bemühungen unterschieden, die nur "multidisziplinär" oder "interdisziplinär" sind, und es wird darauf hingewiesen, dass echte Wirkung durch den Aufbau dauerhafter, integrierter Gemeinschaften entsteht, nicht durch einmalige Unternehmungen.
Am MIT stellte Dahleh fest, dass es nicht einfach war, diese Art der Zusammenarbeit dauerhaft zu gestalten. Es musste ein neues Institut mit einer eigenen Gemeinschaft, eigenen Publikationen und einem eigenen Lehrplan geschaffen werden - etwas, das nur dank einer entschlossenen Vision und nachhaltiger Unterstützung möglich war. Im Rahmen von Programmen wie dem IDSS-Doktorandenprogramm tauchen die Studenten in komplexe Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln ein und lernen, dass gesellschaftliche Herausforderungen selten eindimensional sind.
Einige Jahre, nachdem er die Leitung des IDSS übernommen hatte, stellte Dahleh fest, dass es keine offiziellen Aufzeichnungen über die Entstehung des Instituts gab - keinen Leitfaden für andere, die den gleichen Weg einschlagen wollen. Seine neue Publikation soll diese Lücke schließen und bietet nicht nur eine Geschichte, sondern auch Inspiration für alle, die bereit sind, akademische Barrieren zu überwinden. Dahlehs Botschaft ist klar: Die drängendsten Probleme der Welt werden nicht darauf warten, dass die Wissenschaft aufholt, und die Zusammenarbeit ist unsere beste Hoffnung auf sinnvolle Lösungen.
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